the Tree of Life / IKTT



Photographs from Junji Naito

in Japanese/English/Khmer language

Available via Amazon.jp


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This book review was written originally for the yearbook of the German Textile Network
NMT Netzwerk Mode Textil

Naito, Junji: IKTT – The Tree of Life
Kyoto, Shufunotomo, 2015. 144 S., durchgehend bebildert.
ISBN 978-4-07-400892-6.
(Foto-Bildband / Sprache: Englisch / Japanisch / Fadenbindung mit Schutzumschlag)
Das Buch kostet inkl. Versand ca. 38.- Euro und ist nur über
Amazon.jp (Japan) erhältlich.

Den Fotografen Junji Naito und den Textilkünstler Kikuo Morrimoto verbindet eine langjährige Freundschaft. Das mag den Fotografen bewogen haben, ihm ein ganzes Buch zu widmen:
IKTTThe Tree of Life erzählt in atemberaubenden Bildern vom Leben in einem kleinen Dorf in Kambodscha, etwa 30 Kilometer nördlich von Siem Reap und den Tempeln von Angkor. Hier hat sich Kikuo Morimoto 2002 niedergelassen, um die traditionelle kambodschanische Kunst des Ikat wiederzubeleben und zu bewahren: Mit seinem IKTT (Institute for Khmer Traditional Textiles) leistet er nun einen bedeutenden Beitrag zum Fortbestehen dieser Handwerkskunst.

Der Japaner Kikuo Morimoto kam vor über dreißig Jahren zum ersten Mal mit kambodschanischem Ikat in Berührung. Als freiwilliger Helfer in den Flüchtlingscamps der Khmer in Thailand erkannte er schnell die außerordentliche Schönheit der Webearbeiten und die Kunstfertigkeit der dort lebenden Flüchtlinge. Er war fasziniert von den detailreichen Mustern der Ikat-Stücke.
Morimoto studierte die fast vergessenen, über 1200 Jahre alten Muster der Khmer. Er lernte die Techniken des Handspinnens und Handfärbens von kambodschanischer gelber Seide kennen, ebenso wie das Ikat-Reserveverfahren und die Ikat-Weberei. In Folge beauftragte ihn die UNESCO mit einer Recherche über den Zustand der traditionellen Seidenweberei in Kambodscha nach dem Krieg.
Monatelang reiste er, teilweise unter Lebensgefahr, durch das zerrüttete und zerstörte Land und beschloss, hier zu bleiben und zu helfen. 1996 gründete er IKTT, wenige Jahre später legte er den Grundstein für das heutige Webedorf (das als
Project Wisdom of the Forest bekannt ist) im Nordwesten Kambodschas.

Das Dorf ist angesiedelt auf 23 Hektar Land, in seiner Mitte stehen die Häuser der rund 30 Familien, rundherum wachsen Färbepflanzen, die in langjährigem Bemühen wiederaufgeforstet wurden und die immer wieder um neue Pflanzen erweitert werden – so etwa zuletzt um Indigopflanzen. Man findet Bananenbäume, deren Blattstängelfasern zum Abbinden der Ikat-Muster verwendet werden, Litschibäume, die die Seide grau färben. Maulbeerbäume wachsen dort, die das Futter für die immer hungrigen Seidenspinnerraupen liefern; fünf Brutzyklen gibt es im Jahr, vier davon werden zur Seidenproduktion genutzt.
Unweit der Wohnhäuser befindet sich das Herz des Webedorfs, das Herz des ganzen Projekts: die Webe- und Färbewerkstätten. Zehn bis fünfzehn Webstühle sind laufend im Einsatz, im Nebenhaus wird gefärbt, im übernächsten werden Ikat-Muster abgebunden. Kinder laufen zwischen den Webstühlen, spielen oder schlafen in Hängematten. Eine Klingel ertönt: Der fahrende Händler ist da, es gibt Baguette mit Kondensmilch. Zwei Männer fällen einen Baum – Brennholz für die Färberei.

Das Dorf ist ein Ort der Schönheit, der Menschlichkeit und des Neuanfangs: Seit Jahren entstehen hier wunderschöne Textilien, alle von Hand gesponnen, gefärbt und gewebt: einfärbig oder in Fortführung der kambodschanischen Tradition mit klassischen Khmer-Mustern (wie der Naga, dem Baum des Lebens oder dem Diamanten) in den Farben Rot, Gold, Braun. Aber diese Tradition wird auch weitergeführt und bereichert: Junge, kreative Weberinnen entwerfen neue Muster, färben neue Farben wie Grau und Blau und tragen so die Tradition weiter.

Die schützende Hand, die beseelende Kraft ist Kikuo Morimoto. Er bezahlt seine Weberinnen guten Lohn und kümmert sich darum, dass ihre Kinder zur Schule gehen können. Er beschäftigt auch die Männer der Weberinnen und hat für alle Sorgen der Bewohnerinnen und Bewohner ein offenes Ohr.
Bei Morimotos Reisen durch Kambodscha vor zwanzig Jahren hatte er Frauen gesucht und auch gefunden, die ihr Wissen und ihre Fertigkeiten über das Regime der Roten Khmer und den Bürgerkrieg hinaus bewahrt haben. In ganz Kambodscha hat er sie gefunden, in der Provinz Kampot im Süden, in der Provinz Takeo nahe Phnom Penh und auch im Norden des Landes.
Sie, die
Silk Grandmothers, wie er sie liebevoll nennt, sind es, die mit ihrer Erfahrung die Technik ebenso wie das Gefühl an die nächste Generation weitergeben. Ohne sie würde es all das hier nicht geben. From mother to daughter to granddaughter und nur aus dem Gedächtnis geben sie ihr Wissen weiter. Über 400 Weberinnen wurden seither von Institut ausgebildet.

Junji Naito hat seinen Freund Kikuo Morimoto und sein Webedorf viele Male besucht. So gelang es ihm, eine besondere Nähe zu den Menschen zu entwickeln und Vertrauen aufzubauen. Das ist in all seinen Fotos spürbar, meisterhaft und berührend sind Alltagsleben, Kunstfertigkeit und Stimmung in seinen Fotos festgehalten. Ein unbezahlbares Geschenk an seinen Freund, ein Stück Kambodscha, ein Stück Textilkunst und große Freude für uns Betrachter.

Klaus Rink & Barbara Giller, Wien, Nov. 2016